Poesie im Alltag

Hier findest du eine wechselnde Auswahl meiner Gedichte und Aphorismen:

Wintersonne

Der Himmel tiefblau
Ein weißer Mantel umhüllt
Den träumenden Wald

Hinter der Mauer

Putz blättert
Von der alten Mauer
An die sich der Sack lehnt
Gerissen
Ist er an mehreren Stellen
Speit Klamotten aus
Nach dem warmen Regen
Rinnen Tränen
Über die Plastikfolie
In die Pampe
Für Afrika

Blindlings

Im Korsett
Atemloser Hektik
Wird es zunehmend
Eng
Zwischen Fakten-Fake
Und bodenlosem
Schein
Zwischen Bauch und Stirn
Kein Wachstum, kein Fortschritt
Ohne Kanal, ohne Bypass
Kein Korinth
Weiß der fiebernde
Bildungsbürger
Und sucht seine Mitte
Im Auge des Zyklons
Was für ein Irrtum

Am Feldrand

Neben Mohn und Natternkopf
Schraubt sich
Eine flammende Helix
In den Himmel

Doch die Serenade enttäuscht
Nach operativer Entfernung der Zwischentöne
Bleibt nur Asche
Im Licht der untergehenden Sonne

Herbstwald

Siehst du den Nebelatem im Gezweig
Den geisterhaften Tanz der Feen
Wenn Schleier durch die Kronen wehn
Und Laub aufglüht in diesem Licht
Das kaum mehr steigt

Hörst du den Häher, der den Wald bewacht
Den Buntspecht, wie er schafft
Und baut
Als wäre ihm seit je vertraut
Was dir und mir verborgen bleibt

Spürst du den Tau auf deiner Haut
Den Blätterboden unter deinen Füßen
So federnd weich
Der Mutter Hauch, nimmst du ihn wahr
Den milden Duft nach Pilz und Moder

Spinnen weben über dein Gesicht
Das leise weint
Ein Netz aus Trost
Als trauten sie dem Gott nicht
Zu bewahren, was allein verloren scheint

Wenn Fülle weicht und Fäulnis wird
Verwelken alle Träume
Was treibt mich noch, was hält
Fragst du
Wenn schattenschwer der Tag zerfällt

Es ist ein Ringen überall
Ein Nehmen und ein Geben
Trotz Nacht und Kälte in der Welt
Sei dir gewiss, den tiefsten Grund uns noch erhellt
die unverzagte Lust am Leben…

ÜberWunden  (aus Chirons Tagebuch)

Wo nur finde ich Worte
Die ich wie Wasser
Über deine Wunden träufeln kann, Schwester
Wo nur finde ich Worte
Die dich erlösen
Die dich lustvoll entflammen
Oder in den Schlaf singen
Wo nur finde ich Worte
Die deine fiebrige Stirn kühlen
Die dich wiegen und wärmen
Und halten
In welcher Höhle, auf welchem Gipfel
In welchem Schlund
Finde ich den Schlüssel
Zu dir
Schwester, Mutter, Geliebte
Tochter der Nacht
Ich frage dich
Wo nur finde ich Worte
Für dich
Erst dann
Wird meine Suche enden
Endlich
Und meine Wunde wird heilen…

Endlich

Farn streicht über Haut
Musik rieselt dazwischen
Klammheimlich kommst du

Lichthungrig                                                                            

Wenn der Lichthunger nagt
Reicht weder die Sonne des Südens
Noch der aufgehende Morgen
Ihn zu stillen
Es sind die leuchtenden Himmel des Nordens
Auf die meine Kompassnadel zeigt
Und der Gesang der Sterne
Der mich hinauf treibt bis zum letzten KapUnwissend wahrhaftig
Bis ein Stern in das Crescendo grätscht
Und dem Sterben ein Ende bereitet
Ein wildweiser Bote aus den Tiefen des Alls
Der mit dem Staub der Sonne
Meinen Magnetpol verschiebt
Und den Nachthimmel erglühen lässt
Grün wie das Werden selbst
Zeigt er mir
Wie aus dem Ende ein neuer Anfang wird…